Über Albanien

 

Albanien (Republika e Shqiperise) ist der Außenwelt meist nur als einer der tumultgeplagten Länder des Balkans bekannt. Das hat historische wie gegenwärtige Ursachen. Die Albaner mussten sich ständig fremdem Vormachtstreben und nationaler Unterjochung widersetzen. Das hat sie wehrhaft und auch misstrauisch gegenüber dem Ausland werden lassen. Die stalinistische Politik der albanischen Führer in den letzten vier Jahrzehnten und das rauhe internationale Klima in der Zeit des "kalten Krieges" taten ein Übriges und führten zu einer anachronistischen Isolation Albaniens.

Seit 1991 öffnet sich das Land allmählich und strebt eine Demokratisierung an. Damit erhielt auch der bislang schwach entwickelte Tourismus eine Chance, der während des Kosovo-Krieges natürlich wieder Einbußen verzeichnen musste. Nichts desto Trotz lohnt es sich, sich auf eine Entdeckungsfahrt in das "Land der Adlersöhne" vorzubereiten. Adlersöhne nennt man die Albaner oft in Anlehnung an Karl May und spielt damit auf den Stolz, die Stärke, den Freiheitswillen und die Kühnheit dieser Vögel an, die in den rauen Bergen Albaniens beheimatet sind. Schon seit Jahrhunderten ziert er das Wappen der albanischen Stämme, Fürstentümer und später des albanischen Staates: Der doppelköpfige Adler.

Albanien, dessen Volk zu den Ältesten in Europa gehört, ist ein ziemlich junger Staat. Nachdem der albanische Nationalheld Skanderbeg (Geburtsname Gjergj Kastrioti) im 15. Jh. die albanischen Fürstentümer geeint und den Osmanen fast 25 Jahre erfolgreich Widerstand geleistet hatte, fiel das Land nach dessen Tod (1468) unter türkische Herrschaft. Diese dauerte länger als ein halbesJahrtausend und hat vielen Lebensbereichen einen Stempel aufgedrückt. Erst als das Osmanische Reich infolge der Balkankriege zerfiel, wurde Albanien am 28.November 1912 unabhängig. Dieses Datum wird heute noch jedes Jahr mit einem Nationalfeiertag geehrt.

Albaniens Geschichte blieb weiterhin wechselvoll: Es wurde de facto zu einer Halbkolonie Italiens, dass das kleine Land im April 1939 okkupierte. Ab September 1943 von der deutschen Wehrmacht besetzt, konnte sich Albanien gleichzeitig mit dem Vormarsch der Roten Armee auf den Balkan und durch den Kampf zahlreicher Partisanenverbände am 29. November 1944 selbst befreien.

Das damals wohl ärmste und rückständigste Land Europas mit 90% Analphabeten wurde in den vergangenen Jahrzehnten industrialisiert und machte auf allen Gebieten einen Sprung nach vorne. Doch die Kluft zum übrigen Europa, besonders dem westlichen, wurde kaum geringer. Entscheidend bei der Wahl eines Verbündeten war für Albanien stets dessen Haltung zu Jugoslawien, von dem es sich bedroht fühlte. In den 40er Jahren lehnte man sich zwar zunächst an Jugoslawien an, aber nachdem Stalin 1948 mit Tito gebrochen hatte, erkannte Enver Hoxha seine Chance, leitete einen prosowjetischen Kursein und schaltete seine projugoslawischen Widersacher aus. Als sich dann die Sowjetunion und Jugoslawien wieder einander näherten, kam es schließlich 1961 zum Bruch zwischen Hoxha und Chruschtschow. Danach gab es fast 30 Jahre keinerlei Kontakte zwischen beiden Staaten. Die anderen Ostblockstaaten, mit Ausnahme Rumäniens, folgten damals "einsichtig" dem sowjetischen Beispiel, hielten aber eingeschränkte diplomatische Beziehungen aufrecht und entwickelten, allerdings im bescheidenen Umfang, den Warenaustausch weiter.

Albanien suchte und fand einen neuen Verbündeten: das China Mao's. Der Flirt mit Peking, das seinen kleinen "roten Leuchtturm" in Europa über zehntausend Kilometer hinweg nach Kräften unterstützte, dauerte gerade so lange, bis China seine außenpolitische Isolierung zu überwinden begann und sich dabei auch mit dem albanischen "Erzfeind" Jugoslawien versöhnte. Somit hatte Albanien seit der zweiten Hälfte der 70er Jahre erstmals keinen Hauptverbündeten mehr. Ein äußerst widerspruchsvoller, von dramatischen Rückschlägen begleiteter Prozess, der die Demokratisierung und die Schaffung marktwirtschaftlicher Verhältnisse zum Ziel hatte, setzte 1991/1992 ein. Fehlende demokratische Traditionen, die katastrophalen ökonomischen Startbedingungen, Korruption, Vetternwirtschaft, die enorme Entwicklung des organisierten Verbrechens, die weit auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, sowie unhaltbare Vorstellungen über die Bereitschaft und das Vermögen Westeuropas und den USA zu helfen und privat zu investieren hatten besonders in der ersten Hälfte der 90er Jahre zu Resignation und Apathie eines großen Teiles der Bevölkerung geführt.

Nach dem Zerfall der Pyramidensysteme, in die wohl die meisten Albaner ihr gesamtes Geld investiert hatten, der Plünderung der Waffenarsenale der Armee und bürgerkriegs-ähnlichen Unruhen kam es im Sommer 1997 zu Wahlen unter dem Schutz einer von Italien geführten internationalen Truppe und OSZE Beobachtung, bei der die Demokratische Partei die Parlamentsmehrheit an die Sozialisten verlor. Das Leben begann sich zwar wieder langsam zu normalisieren, aber fortdauernde innere Auseinandersetzungen und die Ereignisse in und um Kosovo 1998/99 führten erneut zu enormen Belastungen und Rückschlägen. Erst nach und nach begreifen immer mehr Menschen, dass die intensiven Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, der OSZE und der EU, Albanien aus der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise herauszuführen und eine tragfähige Lösung für Kosovo zu finden, der aktiven Unterstützung aller Albaner bedürfen.